Community Camp Berlin 2010 – Community Building durch Corporate Blogs – Chance oder Illusion?

3 Nov

In der Vorbereitung zum Community Camp 2010 in Berlin überlegte ich intensiv, wie ich das Thema Corporate Blogs präsentieren sollte. Am Ende entschied ich mich für eine Präsentation ohne Power Point und Beamer. Ich wollte keine Session, in der ich eine Art Frontalunterricht praktiziere. Was liegt bei einem Bar Camp näher als eine Diskussion entstehen zu lassen? Meine Session hatte ich für 15 Uhr eingetragen. Direkt nach der Keynote Session der TU Chemnitz. Leider besuchte ich diese Session nicht, da ich mich auf meine eigene vorbereitete. Das sympathische Team der TU Chemnitz erlebte im cimdata Loft wie unerwartet eine Community reagieren kann: Sie stimmte mit den Füssen ab und floh zu 80 % aus dem Loft.

Bei der Vorstellung meiner Session am Samstagmorgen gingen nur wenige Arme nach oben und so rechnete ich mit einer kleinen Runde. Als ich um fünf vor drei den Toshiba Raum betrat, war ich ehrlich total überrascht: Der Raum war mit ca. 35 Personen sehr gut gefüllt. Meine Headline hatte wohl Erwartungen geweckt. Als Erstes fragte ich leicht scherzhaft, ob alle den auch in der richtigen Session sind. Zum Beginn meiner Session machte ich den Realitätscheck: „Gibt es hier jemanden, in dessen Firma es ein Corporate Blog gibt?“ Ja, alle Hände gingen nach oben, aber meine nächste Frage, ob denn alle mit dem Blog der eigenen Firma zufrieden seien, lies viele Arme wieder nach unten sinken. Offensichtlich sind nicht wenige Community Manager unzufrieden mit dem eigenen Corporate Blog.

Als wichtigste Grundvoraussetzung für einen Corporate Blog formulierte ich Glaubwürdigkeit, Authentizität und Kommunikation auf Augenhöhe. Einige Social Media Berater teilen diese Thesen wohl eher nicht, wie Ralf Hendel in seinem Blogpost treffend zusammenfasste:

Ich hatte eher den Eindruck, dass sich anwesende Social-Media-Berater auf den Schlips getreten fühlten.

Als jemand die skurille Chefticket-Kampagne (Facebook) der Deutschen Bahn ansprach, wurde die Diskussion sehr hitzig. Auf der einen Seite ist das wohl die umsatztechnisch erfolgreichste Kampagne via Facebook, die es jemals in Deutschland gab, aber der dortige Umgang mit Kundenkritik muss einfach als Desaster bezeichnet werden. Was letztendlich daran liegt, daß die Deutsche Bahn die Erstellung und Durchführung der Kampagne an eine externe Agentur vergab. Da ist ein Kommunikationsfiasko eigentlich schon vorprogrammiert. Zum Glück ist die Deutsche Bahn ein Monopolist und so sind die Folgen für das eigene Produkt eben nicht so schwerwiegend, wie ich während der Session noch einmal deutlich machte. Kommunikation auf Augenhöhe mit den Kunden ist nicht immer erwünscht, wie Ralf Hendel in meiner Session von einer Dame aufschnappte:

Unternehmen wollen doch gar nicht mit ihren Kunden kommunizieren. Sie tun das nur, weil sie müssen.

Hier kommt wieder das Thema Glaubwürdigkeit ins Spiel. Ich fragte provokant in die Runde: „Welchen Kurs hat Glaubwürdigkeit im Moment an der Wall Street?“ Glaubwürdigkeit kann niemand käuflich erwerben und die User da draussen sind weit weniger dumm, als viele (im Marketing) stets denken. Ein Hauptproblem von Corporate Blogs ist die Tatsache, daß diese Blogs in der Regel ein Abbild der internen Kommunikationsarchitektur darstellen. Firmen, bei denen Transparenz, Glaubwürdigkeit und ehrliche Kommunikation mit dem Kunden im realen Leben nicht an erster Stelle steht, werden auch im Netz diese Werte nicht darstellen können. Da nützt es auch nicht viel, wenn externen Agenturen bündelweise Geld in den Rachen geworfen wird. Lassen Sie mich es ganz offen sagen: Die meisten Agenturen verstehen von Social Media nicht allzu viel, aber sie sehen wie groß oft die Budgets sind und wollen dort abgreifen. Das nützt weder der Branche, noch den Kunden.

Es ist gar nicht so schwer im Netz sozial zu agieren. Auch nicht für Firmen. Wenn die Produkte eine ordentliche Qualität aufweisen, die Produktions- und Arbeitsbedingungen fair sind und gerne mit den Kunden in einen Dialog getreten wird, dann ist der Weg zum Erfolgs nicht allzu steinig. Die Umsetzung von Social Media folgt intuitiven Mustern. Ich habe das an einem Beispiel eines kleinen Restaurants aus dem Hunsrück deutlich gemacht, die auf mein Anraten eingenständig eine WKW-Gruppe gegründet haben und nun über diese nicht nur Feedback erhalten, sondern auch neue Kunden gewinnen konnten. Es muss nicht immer ein teurer Social Media Berater engagiert werden, um als kleines Unternehmen Erfolg im Netz generieren zu können.

Die Diskussion über die Deutsche Bahn und ihr Chefticket begann etwas auszuufern, so das ich eingreifen musste und ich lenkte die Diskussion in eine andere Richtung: „Das ist halt die aktuelle Sau, die durchs virtuelle Dorf getrieben wird.“ Vesna Gudlin, mit der ich noch sehr gerne gesprochen hätte, aber wir verloren uns irgendwie aus den Augen, twitterte: „Session sehr schnell, interaktiv, kontrovers, trotzdem zu viel Moderation und bahnbashing. #anstrengend„. Bis auf das mit der Moderation würde ich alles unterschreiben. 😉

Meine Session wurde sehr kontrovers aufgenommen, was ja auch in meinem Sinne war, denn einige meiner Thesen sind durchaus provokant, aber notwendig und aus meiner Sicht richtig. Vor allem via Twitter gab es einige negative Reaktionen, die ich erst am Abend gelesen hatte. Dagegen gab es vor allem im persönlichen Gespräch sehr tolle Reaktionen.

Wir stehen am Ende des Anfangs einer sozialen Revolution, die weniger in der realen Welt, sondern die sich viel mehr in der digitalen Welt vollzieht. Eine Wechselwirkung findet selbstverständlich statt, aber die Auswirkungen sind bisher nur in Ansätzen absehbar. Ich vergleiche unsere heutige Situation immer mit der Einführung der Eisenbahn. Während noch diskutiert wird, ob das überhaupt einen Nutzen hat und gesund sein kann, fahren andere schon munter voran. Der Zug nimmt jeden Tag mehr und mehr Fahrt auf und wer nicht rechtzeitig aufspringt, wird am Ende am Rand der Strecke zurückbleiben.

Mir hat das Community Camp verdammt viel Spaß gemacht. Ursprünglich wollte ich nur am Samstag teilnehmen, aber der Tag hatte mir so viel Spaß gemacht, daß ich auch Sonntag teilnahm. Ich möchte hier noch einmal allen Sponsoren und Teilnehmern danken. Ihr seid einfach Spitze. Im nächsten Jahr werde ich auf jeden Fall wieder dabei sein. Für das nächste Jahr drohe ich schon mal zwei Sessions an. 😉 Die Stunde der Session war viel zu schnell vorbei und gerne würde ich diese Diskussion auf dem Community Camp in Hamburg fortsetzen. Leider sind dort schon alle 400 Plätze belegt und ich stehe auf der Warteliste. Ich kann nur hoffen, daß die NoShowRate in Hamburg nicht ähnlich hoch sein wird, wie in Berlin.

Ich danke allen, die diese tolle Veranstaltung möglich gemacht und mit Leben gefüllt haben.

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